Smart, smarter, E-Pille – Lebensrettende Diagnose dank Hightech-Kapsel

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Vor einigen Wochen habe ich mich mit dem Thema der digitalen Medikation auseinandergesetzt. Das Thema verlangt aufgrund seiner Komplexität nach einer weiteren Betrachtung. Zumal es neben der smarten Pille, die den behandelnden Arzt über die Einnahme des Medikaments benachrichtigt und demnach als Kontrollinstanz ihrer selbst fungiert, eine weitere Entwicklung gibt. Die sogenannte E-Pille liefert dem behandelnden Arzt weitergehende Informationen aus dem Körper. Diese digitalen Pillen können Diagnosen stellen und zugleich punktgenau und hochpräzise behandeln – eine neue Ära der Medikation.

Was ich meinen Kunden als Apotheker mit auf den Weg gebe, will ich zumindest gründlich reflektiert haben. Daher stelle ich mir selbst vor, eine Pille – groß wie eine Kidneybohne – zu schlucken und diese dann auf den Weg durch meinen Körper zu schicken. An Bord der kleinen High-Tech-Kapsel: Computerchip, pH-Sensor, Temperaturfühler, eine Pumpe, Batterie, ein drahtloses Kommunikationssystem und natürlich ein winziges Medikamenten-Depot.

E-Pille: Schonende Punktlandung der Medikation

Die Faszination der E-Pille ist nicht von der Hand zu weisen. Eine Pille, die ein Leiden diagnostizieren kann, indem sie in Echtzeit Informationen aus dem Körper sendet. Die aber darüber hinaus auch die Wirkstoffe präzise dort zum Einsatz bringt, wo sie gebraucht werden.

Während ihrer Reise durch den Körper überträgt die Kapsel von der Größe einer Kidneybohne den aktuellen pH-Wert an den mit ihr verbundenen Laptop. Außerdem gibt sie Auskunft über ihren momentanen Aufenthaltsort, indem sie mit dem Milieu reagiert und an gewünschter Stelle punktgenau die gewünschte Medikamentenmenge abgeben kann.

Obwohl die Therapie mit den E-Pille noch nicht zugelassen ist, nutzen Pharmaunternehmen sie seit vielen Jahren zur Forschung über die Medikamentenaufnahme des Körpers. Sie ist als Variante der sogenannten Smart Pill zu sehen. Bereits seit Anfang des Jahrtausends erzeugen in den USA Miniaturkameras in Kapselform Endoskop-Bilder aus dem Darmtrakt. Wie das Wissenschaftsmagazin Nature berichtet, konnten Versuche hochwertige Videobilder von Magen, Dünn- und Blinddarm liefern.

Darüber hinaus ist es seit ein paar Jahren möglich, klassische Tabletten mit winzigen Siliziumchips zu „pimpen“. Die Tablette sendet Informationen über ihre Ankunft im Magen sowie Daten zu Puls und Blutdruck des Patienten an ein Handy.

Funksignale aus dem Darm können Leben retten

Egal ob Medikamentenausschüttung nun von einem externen Computer gesteuert oder die Pille selbst programmiert wurde – eine lokale Medikation bietet enorme Vorteile. Neben einer genauen Diagnose sind auch weniger Nebenwirkungen bekannt, da eine lokale Behandlung zielgenauer und zugleich effektiver verläuft.

Besonders die Beispiele von chronischen Darmentzündungen oder Darmtumoren bemühen Forscher in diesem Zusammenhang gerne. Christopher Bettinger von der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh hält diese Informationen aus dem Darm beispielsweise für besonders wertvoll. Mit ihnen ließe sich nicht nur eine gestörte Darmflora gezielt reparieren, auch ihre Zusammensetzung liefert verlässliche Hinweise auf Krankheiten. Hierzu zählen insbesondere bakterielle Durchfallerkrankungen, Diabetes und Arteriosklerose. Darmtumore könnten anhand der Veränderung des pH-Wertes in ihrer Aktivität gemessen werden und Arzneiwirkstoffe gezielt eingesetzt werden. Wobei eine lokale Behandlung jedoch das gesunde Gewebe schonen würde. Die Nebenwirkungen wären in einem solchen Fall deutlich geringer.

Geplanter Verfall im Körper – Elektroschrott oder abbaubare Substanzen?

Die Kehrseite der Kapsel-Diskussion lässt Kritiker laut werden. Diese beziehen sich auf Komplikation des Körpers mit größeren Kapseln und deren Elektronik. Das Risiko einer Komplikation ist bei Kapselendoskopien sehr selten. Vom Steckenbleiben der Kapsel im Verdauungstrakt wird bei weniger als 0,5% der Untersuchungen berichtet. E-Kapsel-Befürworter Bettinger plädiert für flexiblere Materialien, die sich sogar von selbst auflösen und sich somit auf natürlichem Wege entsorgen. Dies würde voraussetzen, dass keine konventionelle Elektronik in derartigen Kapseln Verwendung findet, da diese schlichtweg zu Elektroschrott werden.

Was bleibt dem Körper? Hightech-Kapseln brauchen abbaubare Substanzen. #HealthTech Klick um zu Tweeten

Biologisch abbaubare Elektronik im eigenen Körper? Was zunächst befremdlich klingt, ist möglich. Ganz gleich ob Mineralien wie Magnesium, Metalle wie Silber oder Naturprodukte wie Seide – die Materielauswahl ist riesig. An der Universität Illinois präsentierten Wissenschaftler 2012 einen von Seide umhüllten Thermoregler aus hauchdünnem Silizium und Magnesium. Mit diesem war es möglich, Infektionsherde an Ort und Stelle gezielt durch Hitze zu sterilisieren. Der Körper selbst baute den Regler ab.

Lebensretter mit Lifestyle-Perspektive

Auch ich bin der Ansicht, dass Elektronik, die geschluckt wird, biologisch abbaubar sein sollte. Kürzlich las ich von einer durch Prof. Dr. Bernhard Wolf von der Technischen Universität München entwickelten Pille. Mit Unterstützung des Heinz Nixdorf-Lehrstuhls für Medizinische Elektronik testete er die sogenannte „Nanopille„, welche Blutungen von Magentumoren stoppen kann. Diese kann sich an den blutenden Stellen regelrecht festkleben.

Die Substanzen sind ungefährlich, die Magensäure zersetzt sie zuverlässig. Der Patient scheidet lediglich zwei Siliziumchips in der Größe von Sandkörnern aus. Ob Nanopille oder E-Pille: Die Dokumentation einer Behandlung durch Daten, welche die Kapsel aus dem Körper sendet, werden voraussichtlich in ein paar Jahren Realität sein. Besonders bei der Behandlung von Magen- und Darmtumoren werden sie dann revolutionäre Heilungschancen eröffnen.

Ein Chip, der mich kennt? Eigenverantwortung gibt es nicht auf Rezept

Einen Schritt weiter gedacht, ließe sich die elektronische Pille auch auf einen inzwischen boomenden Markt übertragen und den aktuell verbreiteten Lifestyle-Gedanken aufgreifen. Nach Wearable und Luxus-Vitaminpräparaten drängt sich der Gedanke eines elektronischen Nahrungsergänzungsmittels auf. Wie wäre es wohl, ein passives Vitamindepot im Körper zu tragen? Einen Chip, welcher einem Mangel gleichwelcher Art vorbeugt, der sich meinen individuellen Belastungen und Bedürfnissen anpasst und der erkennt, welche Vitamine oder Spurenelemente ich heute vielleicht ganz besonders dringend brauche?

Dieser Gedanke mündet in eine Vorstellung von High-Tech-Ernährung, die komplementär zu dem Trend der permanenten Selbstoptimierung ist. Obwohl ein ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein aus meiner Sicht wünschenswert ist, sehe ich den Trend dennoch mit Skepsis. Hier gilt nicht nur, wie so oft, dass eine gute Beratung unerlässlich ist. In diesem Fall wäre außerdem tatsächlich eine Überwachung der Körperfunktionen angemessen, damit kein Missbrauch betrieben werden kann. Eine Nahrungsergänzung ersetzt schlichtweg keine ausgewogene Ernährung und einen pfleglichen Umgang mit dem eigenen Körper.

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Auch wenn wir die Verantwortung für unsere Gesundheit gerne in die Hände der neuesten Technik legen, ist sie doch nicht gänzlich aus der Hand zu geben. Wo wir die Verantwortung über unsere Gesundheit gerne in die Hände eines anderen und in die neueste Technik legen, ist sie doch an anderen Stellen bei uns selbst am besten aufgehoben.